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DIE KASTRATION DER HÜNDIN

Aus verhaltensmedizinscher Sicht von Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer

Quelle: www.wuff.de

 

Dieser Text darf ohne ausdrückliche Genehmigung der Verfasserin nicht vervielfältigt oder weitergegeben werden.

 

Im Gegensatz zum Hunderüden (siehe Wuff 12 / 2010) kann man bei der Hündin die medizinischen Gründe bei der Betrachtung der Kastration nicht außer Acht lassen, da sie mit 81 % als häufigste Indikation für diesen Eingriff angegeben werden (Bielefelder Kastrationsstudie, Niepel, 2007). Danach folgen Haltergründe mit 64 %, Verhaltensprobleme machen bei der Hündin gerade mal 14 % aus. Mehrfachnennungen waren möglich.


Die medizinischen Gründe für die Kastration der Hündin sind die Prophylaxe von Gebärmutterentzündungen, Gesäugetumoren und von Problemen, die im Zusammenhang mit der Scheinträchtigkeit, die korrekterweise als Scheinmutterschaft bezeichnet werden muss, auftreten können.

Gesäugetumore

Bei Hündinnen rangieren die Mammatumoren unter den Tumorerkrankungen unbestritten relativ weit vorne, verschiedene Studien ergaben Zahlen von ca. 30 – 40% Gesäugetumoren (bös- und gutartige) unter den Krebserkrankungen bei Hündinnen. Noch weniger schön ist die Sterblichkeitsrate: laut verschiedenen Studien sterben um die 60% innerhalb der ersten 2 Jahre nach Entfernung des Tumors.


Aber stellt dies einen Grund für eine (Früh-) Kastration dar? Immer wieder wird eine Statistik aus dem Jahre 1969 heran gezogen, als belegt wurde, dass das Mammatumorenrisiko bei Kastration vor der ersten Läufigkeit.gegenüber unkastrierten Hündinnen 0,5% beträgt, bei einer Kastration nach der ersten Hitze 8 %, und bei später kastrierten Hündinnen bei 25% liegt. Dies lässt sich mit dem zyklusabhängigen Einfluss der Geschlechtshormone auf das Gesäuge erklären.


Aber um diese Statistik wirklich bewerten zu können muss man die absoluten Zahlen von sowohl gut-, als auch bösartigen Mammatumoren bei der Hündin wissen. Diese liegen nach unterschiedlichen Quellen bei 0,2 – 1,8%, was bedeutet, dass frühkastrierte Hündinnen ein Risiko von 0,001 – 0,009% für eine Mammatumorerkrankung tragen. Bei Kastration nach der 1. Läufigkeit beträgt das Risiko 0,016 – 0,15%, bei später kastrierten 0,05 – 0,5%. Bei diesem geringen tatsächlichen Risiko der Erkrankung muss man sich fragen, ob das Thema Tumorprophylaxe einen alleinigen Grund für eine Kastration darstellen darf, zumal es eindeutig nachgewiesen wirksamere (und im Gegensatz zur Kastration nebenwirkungsfreie!) Prophylaxemaßnahmen gibt, so sind beispielsweise der Verzicht auf allzu proteinhaltige Ernährung, der Verzicht auf hormonelle Läufigkeitsunterdrückung, sowie ein gutes Gewichtsmanagement, vor allem im ersten Lebensjahr, zu nennen. Denn bei Hündinnen, die bereits im Alter von 9 – 12 Monaten übergewichtig sind, ändert auch eine Kastration nichts am Tumorrisiko! 

Gebärmuttervereiterung

Die Pyometra ist ein weiteres Horrorszenario von Hündinnenbesitzer/innen. Zurecht, denn sie wird oft sehr spät diagnostiziert und stellt dann immer einen absoluten Notfall dar! Die Erkrankung beginnt meist am Ende der Läufigkeit, wird aber, vor allem bei der geschlossenen Form, bei der kein Ausfluß vorhanden ist, oft erst ein paar Wochen später erkannt. Typische Symptome sind Temperaturanstieg, vermehrtes Trinken, gestörtes Allgemeinbefinden, häufiges Urinieren, Appetitlosigkeit, Abmagerung und eine Umfangsvermehrung des Bauches durch massive Eiteransammlungen. Abhängig von der Dauer der Erkrankung und der Größe der Hündin findet man teilweise mehrere Liter Eiter in der Gebärmutter, die bei zu großer Belastung auch reißen kann.


Im Falle einer Pyometra gibt es zwar auch medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, aber die Kastration mit Entfernung der erkrankten Gebärmutter stellt das Mittel der Wahl dar.
Aber rechtfertigt das Risiko, dass die Hündin irgendwann an einer Gebärmuttervereiterung erkranken könnte eine Kastration, also die präventive Entfernung eines gesunden Organs? Der Gesetzgeber sagt ganz klar nein, denn es gibt nur zwei Ausnahmen, in denen eine Kastration zulässig ist: erstens die Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung (hier ist die Nutztierhaltung gemeint!) und zweitens um die Haltung eines Tieres zu ermöglichen. Beides ist hier nicht gegeben!


Andere prophylaktische Maßnahmen sind allerdings sehr hilfreich im Kampf gegen die Pyometra.
Erstens gilt es natürlich, als Hundehalter für die Problematik der Pyometra sensibel zu sein und die Hündin, vor allem in den ersten acht Wochen nach der Läufigkeit, genau zu beobachten und auf die oben genannten Symptome zu achten, zweitens sollte man auf eine hormonelle
Läufigkeitsunterdrückung unbedingt verzichten, da die Hormongaben eine Erkrankung begünstigen, und drittens sollte man (nicht nur aus diesem Grund!) dafür Sorge tragen, dass die Hündin keinesfalls ungewollt gedeckt wird, da auch ein Trächtigkeitsabbruch durch Hormongaben ein großes Risiko für die Entstehung einer Gebärmuttervereiterung darstellt.


Hingegen sollten Hündinnen, die an Diabetes mellitus erkrankt sind, also unter einem Insulinmangel leiden, bzw. auf das vorhandene Insulin nicht ansprechen, auf jeden Fall kastriert werden! Die weiblichen Geschlechtshormone Gestagen und Östrogen können die Wirkung des Insulins im Gewebe behindern, und so eine erfolgreiche medikamentöse Therapie unmöglich machen.

Das „Problem“ mit der Scheinträchtigkeit / Scheinmutterschaft

Zunächst muss ganz klar differenziert werden: die Scheinträchtigkeit beginnt am Ende der Läufigkeit, also dann, wenn der Deckakt erfolgt wäre, und dauert, wie eine echte Trächtigkeit auch, 63 Tage.


Danach folgt die meist fälschlich als Scheinträchtigkeit bezeichnete Scheinmutterschaft, also die Zeit, in der sich die Hündin um die Welpen kümmern und sie säugen würde, also das eigentliche Brutpflegeverhalten zeigt. Dadurch können sich bei den Caniden auch Hündinnen, die selber keinen Nachwuchs haben, an der Aufzucht und Versorgung der Welpen beteiligen. Die hormonellen Vorgänge sind die selben, wie bei belegten Hündinnen. In der Scheinträchtigkeit sorgt das Schwangerschaftshormon Progesteron für das eher anlehnungsbedürftige und ruhigere Verhalten der Hündin. Während der Scheinmutterschaft kommt dann das Elternhormon Prolaktin zum Zuge.


Dieses ist verantwortlich für die Ausbildung des Gesäuges, die Milchproduktion, das Bauen von Nestern, bzw. Wurfhöhlen, das Behüten und Bemuttern von Stofftieren und anderem. All das sind also völlig physiologische Verhaltensmuster. 


Allerdings kann es zu diesen Erscheinungen nicht nur zyklusbedingt nach vorangegangener Läufigkeit kommen, sondern auch, wenn die Halterin oder eine andere Bezugsperson schwanger wird, oder ein Baby oder ein Welpe ins Haus kommt. Weil das Prolaktin direkt aus der Hirnanhangsdrüse kommt und auch ohne Beteiligung der Geschlechtsorgane über die Sinnesorgane oder andere Zentren im Gehirn aktiviert werden kann, findet man dieses Verhalten z.T. auch bei kastrierten Hündinnen. Eine Kastration zur Vorbeugung ist also nur in den Fällen erfolgversprechend, bei denen es sich um regelmäßiges, zyklusbedingtes Verhalten handelt.

Aggressionsverhalten

Die Kastration als Mittel zur Aggressionskontrolle kann nur bei bestimmten Voraussetzungen in Betracht gezogen werden, und zwar dann, wenn die Auffälligkeiten eindeutig im Zusammenhang mit der Läufigkeit stehen. Wird die Hündin ausschließlich um die Läufigkeit herum kurzzeitig aggressiv oder unleidig, kann gegebenenfalls durch eine Kastration eine Besserung erzielt werden.


Anders bei Hündinnen, die das ganze Jahr über rüpelhaft sind und eine statusbedingte Aggression
zeigen: in diesen Fällen wird sich das Aggressionsverhalten in den meisten Fällen noch deutlich
verschlimmern, weil nach Wegfall des körpereigenen weiblichen Sexualhormons Östrogen das
männliche Sexualhormon Testosteron, das auch bei Hündinnen in der Nebennierenrinde produziert wird, mehr Einfluss nehmen kann. Dies gilt insbesondere für Hündinnen, die mit erhobenem Bein markieren, ganzjährig Probleme mit Rüden haben und einen, auch für ihre Rasse, sehr robusten Knochenbau und eine sehr ausgeprägte Muskulatur besitzen, und außerdem für Hündinnen, die als einziger weiblicher Welpe in einem Wurf voller Rüden zur Welt kamen. In all diesen Fällen liegt ohnehin ein recht hoher Spiegel an Testosteron vor, der im intakten Fall wenigstens einigermaßen durch die weiblichen Östrogene „in Schach gehalten" werden kann.


Genau wie beim Rüden auch (siehe WUFF 12 / 2010) sind die Verhaltensweisen der Jungtierverteidigung, der Partnerschutz- bzw. Eifersuchtsaggression und der Revierverteidigung unabhängig vom Sexualhormonspiegel, sondern werden durch andere Hormonsysteme gesteuert. 


Eine durch Angst, Panik oder Unsicherheit verursachte Aggression, sowie andere damit zusammenhängende Verhaltensprobleme, sind auch, genau wie beim Rüden, durch eine Kastration nicht zuverlässig beeinflussbar. Solche Hündinnen können durch Wegnahme der Sexualhormone zeitweise eher noch unsicherer werden (abhängig von ihrer sonstigen Persönlichkeit), da auch die weiblichen Sexualhormone angstlösend wirken und Selbstvertrauen schaffen. 


Jagd- und Beutefangverhalten haben auch bei Hündinnen keine Steuerung durch das Sexualhormonsystem. Im günstigsten Falle ändert sich also daran nichts, es gibt aber auch Fälle, bei denen diese Handlungsbereitschaft nach der Kastration steigt.


Ebenso ist bei Hündinnen, genau wie beim Rüden, aus verhaltensbiologischer Sicht eine Kastration vor dem Ende der (Verhaltens-!) Pubertät nicht anzuraten. Gerade die Östrogene tragen in der Pubertät wesentlich zum Umbau und der daraus resultierenden Reife von Gehirn und Verhalten, und damit zum erwachsen werden, bei.

Fazit

Aus verhaltensbiologischer, wie auch aus tierschützerischer Sicht ist eine vorbeugende Kastration auch bei der Hündin nicht zu befürworten. Die gesundheitlichen Probleme, die sich nach der Kastration einstellen (können), wie etwa Inkontinenz, aber auch Störungen des Mineralstoffwechsels und der Skelettbildung bei Frühkastration während des Wachstums, dürfen nicht ungenannt bleiben. Und das Argument der Streßreduktion für die Hunde, die ja doch nicht zum Zuge kommen dürfen, zieht bei Caniden auch nicht, da auch in Rudeln von verwilderten
Haushunden nachgewiesen wurde, dass gerade mal 20 – 30% der Rüden und 30 – 50% der Hündinnen zur Fortpflanzung kommen – ohne dass der Rest depressiv wird, oder beim Therapeuten landet...


© Sophie Strodtbeck

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